Die Mitte und das Ganze

Das Buch “Die Mitte und das Ganze” erschienen 2013 im Verlag Anton Pustet (272 Seiten) ist das zweite Architekturbuch der Architekten Herwig und Andrea Ronacher. Es beinhaltet neben der Philosophie der Autoren vor allem neuere Projekte ab dem Jahr 2000.

Kaufpreis 36€

Inhaltsverzeichnis und Vorwort des Buches
Leseprobe zum Buch


Vorwort

Kaum eine andere Tätigkeit zeigt uns so klar und unmittelbar den Zusammenhang von Geist und Materie wie das Bauen. Wie jedes Erschaffen zuvor eines Gedankens bedarf, ist auch das Bauen nur möglich, wenn zuerst die Idee geboren und zu Papier gebracht oder auf dem Bildschirm eines Computers fertig konstruiert wird, bevor sie schließlich in vielfacher Vergrößerung in die Realität umgesetzt wird.

Die dringend notwendige Geisteshaltung lautet: Demut.

Die Ausbildung zum Architekten vollzieht sich vorwiegend noch auf technischer Ebene.

Von welchem Geist eine Kultur geleitet wird, zeigt sich daher ganz unmittelbar in ihren Bauten. Auch heute, nahezu 15 Jahre nach Erscheinen des Buches „Architektur und Zeitgeist“ 2, würden wir Paul Schmitthenners Forderung nach einem „Bauen des Alltags mit Anstand und Würde“ als wichtigstes Gebot der Stunde nennen. Damit will nicht gesagt sein, dass dem Prozess des Planens und Bauens etwas Unbewegliches, Schweres, Experimentierfeindliches anhaften sollte. Natürlich muss das Bauen das geistige Feld widerspiegeln, welches die Basis für das zeitgenössische Empfinden und Denken der Menschen ist. Dazu gehört nicht nur das Ausschöpfen neuer technischer Möglichkeiten, sondern auch das Ergründen möglicher neuer Formen. Deren Auswahl sollte aber generell unter dem Aspekt der Zuträglichkeit für die Menschen und für die gesamte Umwelt geschehen. Die dringend notwendige Geisteshaltung lautet nicht so sehr Selbstbewusstsein als vielmehr — Demut.

Architektur ist sichtbarer Ausdruck der seelisch-geistigen Kräfte jener Menschen, die sie schaffen. Dem Architekten fällt daher die Aufgabe zu, Medium für Menschen zu sein, welche sich aufgrund ihrer Lebenssituation nicht selbst Häuser entwerfen und schaffen können, in ihrem Innersten aber Vorstellungen und „Träume“ davon haben. Die Eingriffe in das Vorstellungsvermögen anderer sollten daher behutsam erfolgen.

Dieses Eingreifen ist ein tiefes Eindringen in das Bewusstsein anderer Menschen. Es erfordert ein hohes Maß an Empathie. Bei jeder Formgebung sind aber deren Auswirkungen nicht nur auf den Auftraggeber, sondern auch auf die anderen davon betroffenen Menschen abzuwägen. Dort wo Vorstellungen der Menschen von „ihren Räumen“ fragwürdig erscheinen, ist es selbstverständliche Pflicht des Architekten aufzuklären, zu helfen und zu führen.

Die Ausbildung zum Architekten vollzieht sich vorwiegend noch auf technischer Ebene. Aspekte wie Gefühle und Wohlbefinden spielen während des gesamten Architekturstudiums so gut wie keine Rolle. Unser gebautes Umfeld der letzten 100 Jahre ist in hohem Maße Ausdruck dieser Geisteshaltung. Anders im anonymen, traditionellen Bauen, bei welchem Bauwerke stets auch Ausdruck einer geistig-seelischen Kraft sind. In ihnen drückt sich nicht nur die Seele des Individuums, sondern auch die Seele einer Gemeinschaft aus.

Der Grund, warum die Überwindung unseres heutigen, mechanistischen Denkens und Handelns so zögerlich erfolgt, ist wohl darin zu suchen, dass nahezu die gesamte „Architektur-Elite“ von dieser Denkweise eingenommen wurde. Es wagten nur Wenige, andere Wege zu gehen, wie beispielsweise der Anthroposoph Rudolf Steiner oder der katalanische Baumeister und Architekt Antoni Gaudí, dessen Bau- werke von Millionen von Menschen bewundert, aber vom Mainstream der Architekturkritik kaum gewürdigt werden.

Aber die Wende, welche viele Bereiche menschlichen Tuns und Handelns erfasst hat, wird schließlich auch die Architektur erreichen. Monotone Klötze, vordachlose Kisten, zersplitterte Kuben entsprechen nicht den Bedürfnissen der meisten Menschen. Diese spüren längst, dass diese Formen kein Äquivalent für ihre Seele sind.

Viele Menschen leiden an diesen Formen, da sie aufgrund ihrer sozialen und finanziellen Situation nicht in der Lage sind, sich ihre nächste gebaute Umwelt auswählen zu können, und sie schaffen es nicht, durch seelisch-geistiges Training trotzdem stark zu bleiben. Auf der anderen Seite können Formen der Harmonie einen wichtigen Beitrag zu mehr Zufriedenheit und Glück bei den Menschen leisten.

Der geistige Umbruch, in dem wir uns befinden, wird auch die Architektur verwandeln. Sie kann einen ganz zentralen und vor allem für alle Menschen sicht- und erlebbaren Beitrag zu einer Wende leisten.

Es gibt kaum Programmatisches, welches sich den dogmatischen Lehren der Moderne entgegenstellt oder diese auch nur in Teilbereichen in Frage stellt. Vergleich- bar mit der Entwicklung in der Medizin befinden wir uns in der Architektur erst am Anfang.

Den Worten Hermann Hesses folgend: „Die höchste Kunst bedarf des Erklärens und aller angewandten Psychologie nicht, sie stellt ihre Gestaltungen hin und vertraut ihrem Zauber, ohne das Nichtverstandenwerden zu fürchten“, aber auch nach dem Aufruhr in gewissen Kreisen der „Fachwelt“ nach dem Erscheinen des Buches „Architektur und Zeitgeist“, haben wir uns in den vergangenen 15 Jahren intensiv der Umsetzung unserer Projekte gewidmet, ohne diese weiter zu kommentieren bzw. zu besprechen. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, und neben der persönlichen Überzeugung, dass es erforderlich ist, wichtige Themen des Spannungsfeldes von Mensch und Architektur anzusprechen und Dogmen des internationalen Stils dort zu hinterfragen, wo sie gegen Menschen und Umwelt gerichtet sind, haben sich auch neue Themen aufgetan, die unserer Meinung nach einer Darstellung bedürfen.

Formen der Harmonie können einen wichtigen Beitrag zu mehr Zufriedenheit und Glück bei den Menschen leisten.

Es gibt kaum Programmatisches, welches sich den dogmatischen Lehren der Moderne entgegenstellt oder diese auch nur in Teilbereichen in Frage stellt. Vergleichbar mit der Entwicklung in der Medizin befinden wir uns in der Architektur erst am Anfang.

Die Triebfedern für dieses Buch waren vor allem die folgenden:

Erstens ist es uns ein großes Anliegen, vor allem jungen Architekten zu vermitteln, dass es zwischen den Dogmen der gelehrten Architektur und den sogenannten anonymen Alltagsbauten einen breiten Raum für hochwertige Architektur gibt, welchen zu füllen viel Freude bereiten und beruflichen Erfolg bedeuten kann.

Zweitens wollten wir aufzeigen, dass es für unsere Landschafts-, Stadt- und Dorfbilder meist verträglicher ist, aus den archaischen Formen zu schöpfen, anstatt sich den gerade aktuellen Modetrends zu unterwerfen, was letztlich zu derart heterogenen, unruhigen und für die Allgemeinheit unbefriedigenden Orts- und Landschaftsbildern geführt hat. Dies hat nicht nur dem Berufsstand des Architekten ein schlechtes Image beschert, sondern sorgt auch dafür, dass die Architekturschaffenden selbst zunehmend schlechtere Voraussetzungen für neue Gestaltungen vorfinden.

Drittens möchten wir mit einem breiten Spektrum an gebauten Beispielen demonstrieren, dass der angebliche Widerspruch von Bautradition und regionaltypischer Architektur einerseits und zeitgemäßen sowie zukunftsorientieren Themen andererseits — wie Energieeffizienz und Solararchitektur sowie die Erfüllung der Sehn- sucht nach viel Licht und Transparenz — ein künstlich konstruierter ist.

Die Auflösung dieser vermeintlichen Diskrepanz lässt sich aber nicht alleine durch Worte vermitteln, sondern bedarf der beispielhaften Darstellung.

Der Titel dieser Publikation „Die Mitte und das Ganze“ steht für das „Sowohl — als auch“, für die Ganzheitlichkeit der Sichtweise, welche in unserer Zeit so dringend gebraucht wird.